Annapurna Circuit – der weite Weg durchs Himalaya

Nepal

Jetzt wird es also wahr: Ich im Himalaya! Vor vielen Jahren habe ich mal den Film „7 Jahre in Tibet“ gesehen und wollte unbedingt dort hin. Tibet ist es wegen den Einreisebestimmungen nicht geworden, aber ganz nah dran, das Himalaya-Gebirge von der anderen Seite. Der Annapurna-Circuit ist einer der schönsten Trekkingwege der Welt, heißt es. Er führt an etlichen 6/7/8000er Bergen vorbei, ist technisch machbar, geht aber auf 5416m hoch. Ich bin ziemlich gespannt, habe keine Ahnung, ob ich  es schaffen werde. Mein Fitnesslevel entspricht eher dem einer Couchpotatoe mit sportlichen ab- und zu-Ambitionen und Belastungs-Asthma wird mir die Steigungen zusätzlich erschweren. Aber: Wenn ich es nicht probiere, werde ich es ganz sicher niemals erleben.

15 Tage lang werde ich die Wanderstiefel anziehen und stundenlang durch die Berge laufen. Ich habe einen Guide engagiert, der mir neben dem Weg auch alle interssanten Infos zu Land und Kultur geben kann. Sam von Snowlandtreck ist ein Nepalese aus dem Manaslu-Gebiet und hat bereits zahlreiche Treks durchgeführt. Sogar eine 70ig-jährige hat er über den Pass gebracht, das macht Hoffnung!

Wir starten mit einer Busfahrt Richtung Besisahar. Nach 5 Stunden in einem ganz ok Touristenbus, steigen mein Guide Ram und ich auf den öffentlichen Bus um, der uns nach Buhlbuhle bringt. Sehr eng, das Gepäck auf dem Dach und mit wilder nepalesischer Musik geht es auf Off-Road Strecken weiter. Mein Mantra „Der Fahrer macht das jeden Tag, der weiß was er tut“ hilft über den absturznahen Fahrstil zumindest zeitweise hinweg. Um mich nicht im Fluss zu sehen, konzentriere ich mich auf die Landschaft um mich herrum. Hinter den unterschiedlichen Grüntönen der Reisfeldern erheben sich rund 2500 m Berge die vollständig von grandiosem, wilden Tropenwald bedeckt sind. Nach Kathmandu eine Wohltat für die Augen!  Als wir durch Dörfer hindurchfahren und ich die Menschen sehe, wie sie in ihren sehr einfachen Häusern und Hütten wohnen, Gemüse, Getränke oder Handwerkliches an die Durchfahrenden verkaufen, bin ich irgendwie voll angekommen. Dieses Gefühl, komplett in das Land einzutauchen und alles aufzusaugen, sich zu wundern und die Stimmung der Menschen mitzunehmen, hatte ich fast vergessen. Ein wenig war natürlich auch bei anderen Reisen da, aber Nepal, in dem doch vieles soviel anders ist, packt mich total. I love travelling! Ich kann es auch gar nicht erklären. Filme und Fotos anzuschauen ist das eine, aber dort zu sein und die vielen Kleinigkeiten drumherum zu hören, zu riechen und einfach zu greifen, ist mit nichts zu vergleichen. Unweigerlich ziehe ich Vergleiche zu Deutschland und empfinde es als bereits überentwickeltes Land gegenüber einem förderungswürdigem Nepal. Bei uns zuviel, hier zuwenig. Maschinen, welche die Arbeit erleichtern sehe ich fast gar nicht. Alles wird von Hand oder mit großen Körben, die auf dem Rücken getragen und am Kopf befestigt werden getragen. Kläranlagen wie bei uns gibt es keine, sagt Ram. Der große Müll wird irgendwo abgefischt, aber das war es auch schon. Sonst kommt das Wasser ungefiltert im Haus an. Von dem gibt es hier allerdings massig. Mächtige Wasserfälle von den höchsten Bergen hinein in breite, reißende Flüsse.

 

Übernachtet wird in Teahouses, die es überall entlang der Strecke gibt. Es ist, naja, wie soll ich es sagen? Sehr einfach… In meinem ersten Zimmer soll Zeitungspapier wohl die Wände verschönern, es gibt ein Stehklo, dass mich immer an Dixis erinnert, mit einem Eimer voll Wasser zum Spülen. In der Dusche findet sich blanker Beton, Wellblechdach, ein Fenster ohne Glas und jede Menge Spinnen. Immerhin ist sie heiß (was sich im Laufe des Treks ändert)! Spiegel? Fehlanzeige. Waschbecken? Eher selten. Manchmal tatsächlich nur der Wasserhahn im Klo. Die Gastleute sind unwahrscheinlich nett und vor meinem Zimmer, dessen Fenster ebenfalls keine Glasscheibe besitzt, rauscht ein Fluss entlang. Ram warnt mich bereits vor, dass ich trotz der 30 Grad heute Mittag, nachts eine Decke brauchen werde. Was machen die Leute bitte im Winter? Haus ohne Fenster und ohne HEIZUNG???? Nicht vorstellbar für die Friere-Tine!

Zu essen gibt es immer und überall traditionelles Dhal-Bat. Das ist Linsensuppe auf Reis mit Kartoffelcurry und irgendwelchem Gemüse. Manchmal ganz lecker, manchmal echt nur zum Schütteln. Die Teahäuser haben sich aber auf die westlichen Besucher eingestellt und versuchen Pizza und Burger anzubieten. Tomatensoße ist eigentlich immer Ketchup, Pizza besteht oft aus Nudeln. Eine echt leckere Ausnahme ist das Yak-Steak, dass wir uns  in Manang gönnen. Ansonsten gibt es Fried Noodles mit Gemüse, Fried Rice mit Gemüse, Potatoe-Curry mit Gemüse… Das deutsche Essen wird mir definitiv fehlen!

Durch die Reisfelder langsam nach oben, die Landschaft wechselt täglich. Reisfelder, tropischer Regenwald, Felder mit Mais und Weizen, irgendwann Pinienwälder, Alpenwiesen und wirklich erst auf über 3500 Metern fängt die für uns typische gebirgige Landschaft an. Immer, wenn entlang der Strecke irgendwo die weißen Schneekuppen der Giganten auftauchen, scheinen sie mich zu rufen, sich einzuschleimen, üben eine unglaubliche Anziehungskraft aus…Komm Tine, komm zu mir… Leider schaffe ich es nicht, diese Magie in den Fotos festzuhalten. Nach dem Pass sieht die Landschaft plötzlich wieder ganz anders aus. Eher wie in einem Canyon. Staubig, es wachsen kaum Pflanzen, braune Hügel, Berge, tiefe Flussläufe. Adler fliegen über uns, Zugvögel ziehen Richtung Süden. Es dauert lange, bis die Pinienwälder und die tropischen Regenwälder wieder auftauchen.

Die Dörfer bestehen meist aus ein paar Häusern, wenn es ein größeres Dorf ist vielleicht mal 15 insgesamt. Und wenn ich mir die Menschen hier näher anschaue, stelle ich fest, dass einen ziemlich zufriedenen Eindruck machen. Unglaublich höflich sind sie sowieso, aber auch ansonsten sind sie sehr aufgeschlossen und haben Spaß miteinander, lachen viel. Und das, obwohl es hier wirklich noch wie vor hundert Jahren ist. Alles wird von Hand gemacht: Gespült, gewaschen, gesägt, Holz gehackt. Das Feld wird mit einem Ochsen umgegraben und alles, wirklich alles, wird mit Körben auf dem Rücken transportiert. Ein Band und den Kopf trägt dabei die Hauptlast. Unvorstellbar. Ich kann es gar nicht glauben, dass es tatsächlich so ist, wie ich es in irgendwelchen Filmen gesehen habe. Dort wird ja oft Dramatik groß geschrieben. Hier ist es tatsächlich so. Welch priviligiertes Leben wir doch in Deutschland führen. Selbstverständlich haben wir Waschmaschinen, Rührgeräte, Föns im täglichen Einsatz. Warmwasser und Elektrizität sowieso. Was mich allerdings erstaunt, ist, dass wir abends in unserer Unterkunft bestes WLAN haben. Da wiederum sollte Deutschland echt mal was tun.

Entlang der Strecke treffe ich immer wieder die gleichen Leute, da fast alle die selben Etappen laufen. Es bleibt wie im Hostel, man sitzt einfach abends an einem Tisch, lernt die anderen kennen. Jeder freut sich über ein interessantes Gespräch, woher der Einzelne kommt, was er noch so alles vorhat. Eine junge Backpackerin ist völlig in ihrem Glück, hat hübschen wilden Canabis geerntet, der hier zwischen den Brennesseln unauffällig vor sich hinwächst. Irgendwann sind wir eine Gruppe zwischen 9 und 12 Leuten aus aller Welt. Irgendwann trennt sich die Gruppe auch wieder, weil die einen noch einen Abstechen zum Tilicho-Lake machen. Absolut sehenswert, wie ich später erfahre, aber nochmal 3 Extratage auf 4000m traue ich mir einfach nicht zu. Ich höre auf meine innere Stimme, bleibe bei meinem ursprünglichen Plan und gehe weiter Richtung Pass. Besser so.

Wir laufen täglich 6-10 Stunden. Für mich echt superanstrengend. Tag 4 läuft gar nicht gut für mich. Keine Ahnung was los ist. Es geht über bemoste Treppen, die auch zu einem mystischen Tempel inmitten des Tropenwaldes führen könnten (so jedenfalls meine Fantasien, um mich von der Quälerei abzulenken) rund 500 Höhenmeter nach oben. Meine Beine sind schwer, kraftlos und meine Lunge erlaubt auch höchstens Minischritte. Was ich gestern noch als kleine
Erleuchtung empfunden habe (Mit Minischritten erreichts du dein Ziel auf jeden Fall. Wenn diese noch zu schwer sind, noch kleinere Schritte machen – gut zu übertragen auf andere Projekte im Leben), fühlt sich heute wie ein herber Rückschlag an. Ich komme mir total bescheuert vor. In diesem Tempo auf 5400 Meter hoch? Sehr witzig, nächstes Jahr bin ich dann vielleicht mal da. Ich quäle mich geschlagene 6 Stunden den Berg hinauf, hinunter, geradeaus und habe dann wirklich keine Lust mehr. Was mich am Leben hält, sind die heißen Quellen von Chame, unserem heutigen Übernachtungsörtchen. Bei den Quellen ist es einfach genial, alle hängen in Unterwäsche rum, weil sie keine Badesachen haben. Trotz 10 Grad Außentemperatur ist das Wasser so heiß, dass wir entspannt am Beckenrand sitzen können, ohne zu frieren. Gigantisch! Wir schauen auf das Bergpanorama, genießen die Stunde bis zum Abendessen.

Ansonsten bin ich sehr erstaunt, wie gut mein Körper diese Daueranstrengung wegsteckt. So gut wie kein Muskelkater plagt mich. Klar sind die ersten Schritte morgens nicht gerade die leichtesten, aber wenn man sich mal eingelaufen hat, läufts 😉 Die Tagesetappen gehen nie nur nach oben, sondern wechseln sich schön ab. Wenn ich an die Wandertouren denke, die wir in den Alpen bereits geschafft haben, ist es hier technisch nicht so schwierig. Nirgends muss man wirklich Steigen oder auch nur ansatzweise Klettern. Klar, der Tag über den Pass ist heftig:

4.30 Uhr Abmarsch. Direkt hinter der Teahouse-Tür geht’s auch gleich den Berg hinauf. In dieser Höhe sind wirklich nur Mini-Schritte möglich. Ich bin sofort außer Puste, die Beine wollen und können gar nicht mehr machen. Mit der Stirnlampe auf dem Kopf, Handschuhen, dicker Mütze und Buff ausgestattet, machen wir uns an den echt sau-beschwerlichen Aufstieg. Hölle anstrengend! Zwischendurch frage ich mich, warum ich das überhaupt mache. Kein Ahnung, warum steigt man auf Berge? Warum fährt man Fahrrad, wenn man doch auch Autofahren könnte? Warum kocht man ein Essen, wenn man in ein Restaurant gehen könnte? Anyhow, ich muss mich immer wieder daran erinnern, gedanklich bei mir zu bleiben, andere mich überholen zu lassen und nur auf mich zu achten. Gar nicht so einfach. Nach 4 Stunden Gehzeit haben wir es endlich geschafft. Der Pass mit 5400m ist erreicht! Ich habe es tatsächlich geschafft! Ich kann nicht glauben, dass dieser Traum wirklich in Erfüllung gegangen ist! Ich werde total sentimental und bin den Tränen nahe, bin aber auch unheimlich stolz auf mich. Wir schießen viele Fotos, genießen Tee und Yak-Käse und ich sauge dieses fantastische Panorama in mir auf.

Danach geht es 1600 Höhenmeter und rund 4 Stunden lang nur nach unten.. Ganz toll. Nicht dass meine Beine nach dem Aufstieg bereits genug getan hätten. Jetzt tun mir dann doch noch die Knie weh. Nachmittags um 3 kommen wir endlich am Teahouse an und ich bin fix und alle. Mit ein paar Schweizern und einem Deutschen stoßen wir auf die gelungene Überquerung mit Kukuhri Rum und Cola. Der erste Alkohol seit 10 Tagen!

Einmal über den Pass, ist bei allen die Luft raus. Wir gehen zwar noch in zwei weiteren kleine Dörfer, besuchen die älteste Monastry Nepals, trinken ordentlich Apple-Brandy (hier befindet sich Nepals größtes Apfelanbaugebiet), müssen wegen Überschwemmung Umwege in Kauf nehmen und nehmen letztendlich dann doch den Bus. Wenn ich allerdings gewusst hätte, wie schrecklich diese wird, wäre ich wohl eher gelaufen. Ram platziert mich direkt in den Fahrerkabine auf dem Motorblock neben dem Fahrer. Es sind bereits 8 Leute im Fahrerhäuschen, aber gut, dann quetsche ich mich eben dazwischen. Die nächsten 3 Stunden sind grauenvoll. Die Straße ist superschlecht, der Abgrund bestimmt 300 Meter tief und direkt neben uns. Der Bus schwankt die ganze Zeit, wir fahren mit 10 cm Abstand am Abgrund entlang. Gut zu wissen, dass dies die tiefste Schlucht der Welt sein soll. Rießige Felsbrocken zwingen uns zu riskanten Ausweichmanövern. Der Untergrund wechselt von felsig zu schlammig und sandig und wieder zurück. Jeeps bleiben vor uns stecken, müssen zur Seite geschoben werden, bevor wir sie überholen können. Wasserfälle sind keine Seltenheit, da fahren wir einfach hindurch. Ich komme mir vor wie in einem Albtraum, habe kurze Nahtoderfahrungen, weiß nicht ob ich hysterisch Kreischen oder wie eine bekloppte kichern soll. Die nepalesische Familie um mich herum kümmert sich rührend um mich, beruhigt mich und versorgt mich mit Popcorn und Apfel. Nach 3 Stunden habe ich es endlich geschafft und bin nur noch glücklich aussteigen zu drüfen.

Wir freuen uns alle auf ein paar entspannte Tage in Pokhara, der Endstation des Treks und sind uns einig: Das war ein gigantisch, fantastisch, super-mega-tolles Erlebnis, das jeder von uns sofort wieder machen würde!

2 thoughts on “Annapurna Circuit – der weite Weg durchs Himalaya

  1. Hallo Martina,
    ich könnte ewig weiterlesen!
    So klasse, dass Du es geschafft hast – sei stolz auf Dich!
    Alles ist dort so anders als hier, so viele Eindrücke.
    Genieß es, ganz liebe Grüße und viel Spaß in Thailand
    Heike

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