Bolivien – Das Dschungelcamp

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Das wollte ich schon immer einmal machen: Gestrandete Wildtiere in einer Auffangstation im Dschungel betreuen! Als mir in Sucre eine Reisende von genau diesem Volontariat im Ambue Ari Nationalpark, im Nowhere zwischen Santa Cruz und Trinidad erzählt, bin ich sofort interessiert. Im Park gibt es Pumas, Jaguars, Ozelote, Tapirs, Affen, Vögel… Ich schaue mir die Sache im Internet genauer an. Völlig im Dschungel gelegen, keine warme Duschen, kein Strom, alles sehr Basic – will ich das? Ja, einen Versuch ist es wert!

 

Also mache ich mich auf den Weg und stehe viele Busstunden später in strömenden Regen am Eingang des Camps. Unter einem kleine Unterstand stehen 3 Frauen, die mich herzlichst begrüßen und sich total freuen, dass ich einfach so ein Volontariat machen möchte. Wir gehen in das Camp, es wird schon dunkel. Mein erster Eindruck? Naja, ganz schön in die Jahre gekommen. Und natürlich steht im Moment alles unter Wasser. Ich bekomme eine Decke zum Zudecken. Kissen gibt es gerade keine mehr, deswegen nochmal eine Decke. Die Unterkünfte sind fast alle bis zu einer Höhe von 1,50m gemauert, dann folgt ein Moskitonetz bis zum Wellblechdach. Auch in den Zimmern ist es ziemlich dreckig, alles ist feucht, schließlich habe ich mir ja mal wieder die Regenzeit ausgesucht. Die Matratze besteht aus mit Plastikplane überzogenem Stroh, dass allerdings auch schon ein wenig müffelt. Na ja, für zwei Wochen wird es gehen. Die Leute sind alle unheimlich nett, begrüßen mich alle sehr herzlich und kommen gleich mit mir ins Gespräch. Die Unterhaltungen drehen sich meistens um die Erlebnisse mit den großen Camp-Katzen. Weil ich nur 2 Wochen volontiere, bekomme ich allerdings nur die Camp Animals zugewiesen. Das sind ein Tapir, zwei kleine Wildschweine, ein großes Emu, 6 Nasenbären, 7 unterschiedliche Papageien, ein kleines Emu (Mc Fly), und eine Art Dschungelratte. Die Käfige befinden sich alle tief im Dschungel, es führen nur Trampelpfade hin und ich verirre mich natürlich einige Male, muss die Wege doppelt und dreifach laufen. Manchmal gar nicht so einfach, weil die ganzen Wege kniehoch überschwemmt sind. Aber die Tiere sind unglaublich süß und entschädigen mich für die Plackerei.

Meine Aufgaben bestehen aus 3 mal täglich füttern, Käfige möglichst naturgetreu dekorieren, mit den Tieren spazieren gehen und sie sonst in irgendeiner erdenklichen Weise zu beschäftigen. Ich entferne alte Zweige aus den Käfigen, wandere im Dschungel umher und schlage mit der Machete neue Zweige ab. Erdnüsse in Blätter, mit Wein umwickelt – Papageien und Nasenbären lieben diesen kleinen Snack und sind ganz eifrig im Auspacken. Ich bastle Schaukeln für die Vögel, drapiere neue Bäume im Freigehege, auf denen die Tiere sitzen und umherlaufen können. Cusy Blue, ein Papagei, ist ganz verrückt auf Musik und wiegt sich eifrig im Takt zum meinen Handysongs. Der kleine Mc Fly bekommt neue Gräser und Petuablätter in sein Gehege gepflanzt und weicht mir nicht von der Seite. Schließlich tauchen beim Eingraben viele leckere Würmchen auf, die er mit Genuss und vielen kleinen Fieps-Geräuschen verspeist. Ich gehe mit den 3 etwas zahmeren Nasenbären spazieren. Ein Heidenspaß! Zuerst wird ein bisschen gekratzt und gekuschelt. Dabei wollen sie mir auch etwas Gutes tun und knabbern an meinem Arm herum. Die Geräusche, die sie dabei von sich geben erinnern mich stark an Scratti von Ice Age. Mit Halsband und Leine geht es dann hinaus in den Dschungel. Nasenbären lieben alte, halb vermoderte Baumstämme, wühlen mit ihrer Nase den Boden nach Insekten durch, reißen mit ihren scharfen langen Krallen Rinde von den Stämmen und klettern auch gerne spontan einen Baum hinauf. Ich muss ständig auf der Hut sein, dass sich die Leine im dichten Wirrwarr des Dschungels nicht verheddert. Aber es ist einfach herzerweichend und spannend den kleinen Rackern zuzuschauen. Bis auf die Moskitos. Stehe ich auf einer Stelle, sind gut und gerne 50 bis 100 Moskitos um mich herum. Sie piesacken mich richtig. Ich habe um die 500-1000 Stiche. Nach den Nasenbären gehe ich eine Runde mit dem großen Emu spazieren.

Am vorletzten Tag darf ich dann zum Abschluss einmal mit zu einer Raubkatze. Ich gehe zusammen mit dem eingeteilten Pfleger zum Ozelot Kevo. Ich bin super nervös und total aufgeregt. Seit meinen Kindertagen, als ich das Spiel „Wildlife“ geschenkt bekommen habe, möchte ich einen Ozelot in freier Wildbahn erleben. Okay, ist nicht ganz in Freiheit, aber doch zumindest in seiner natürlichen Umgebung. Wir laufen durch die tiefen Pfützen, Wasser und Matsch füllen meine Stiefel. Dann entdecke ich das Gehege mitten im Dschungel. Scott, der Betreuer, macht mir vor, wie er Kontakt aufnimmt. Er geht ans Gehege und streckt seine Fäuste durch den Zaun. Kevo riecht an ihnen und schleckt sie ab. Jetzt ich? Soll ich wirklich? Ich traue mich, obwohl mir etwas mulmig zumute ist. Die Zunge ist rau, aber nicht unangenehm. Ich habe blöderweise meinen Daumen nicht in die Faust eingeschlossen und schon landet er in seinem Maul. „Oh Gott, bitte nicht zubeißen!“, schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel. Ich werde erhört. Kevo beißt nicht richtig zu, es ist mehr wie das knabbern eines jungen Hundes. Glück gehabt, ist halt doch ein Raubtier und könnte sicherlich ratzfatz den Daumen abbeißen. Als nächstes möchten wir mit ihm eine Runde durch den Dschungel laufen. In einem Zwischenkäfig bekommt er von außen die Leine angehängt. Diese ist mit einem Bauchgurt am Betreuer befestigt, der zusätzlich noch eine Notfallleine mitnimmt. Raus aus dem Käfig strecken wir ihm nochmals die Hände zum beschnuppern und lecken hin und können ihn auch streicheln, wenn er zu uns kommt. Wow, was für ein Fell. So flauschig, dicht und mit unwirklich schöner Musterung. Da hat Mutter Natur mal wieder ganze Arbeit geleistet! Kevo ist mit seinen 4 Jahren noch ziemlich jung und entsprechend verspielt. Er kommt zu uns, rennt dann von einer Sekunde zur anderen los, hechtet auf den Baum hinauf, balanciert auf dünnen Ästen, bevor er mit einem Satz wieder hinunterspringt und die andere Richtung rast. Ein Energiebündel, das sich im Spiel verliert und sich dann doch plötzlich wieder an uns erinnert. Der Weg führt durch einen Wassergraben. Ein wahrhaft einprägendes Bild, wie vor uns der Ozelot durchs Wasser watet und aufmerksam nach jeder Bewegung am Rand Ausschau hält. Eingerahmt vom grünsten Grün der halbhohen Dschungelpflanzen und herabhängenden Lianen riesiger Bäume und Palmen. Dieses Bild hat sich tief in mein Herz eingegraben. Einen Moment, den ich sicherlich nie wieder vergessen werde.

Und dann ist meine Zeit im Camp auch schon wieder vorbei. Ob ich es nochmal machen würde? Für die Erfahrung auf jeden Fall. Und für die tollen Menschen, die ich dort getroffen habe auch. Für die Moskitos und die kalte Dusche eher nicht. Hier gibt es Leute, die nicht nur Wochen, sondern Monate oder Jahre verbringen. Es ist anstrengend und mit all ihrer Hingabe und ihren Mühen versuchen sie den Tieren ein möglichst natürliches Leben zu ermöglichen. Die Tiere sind fast allesamt irgendwann als Babys viel zu früh von ihren Müttern weggenommen worden, bevor sie die lebenswichtigen Instinkte richtig ausbilden konnten. Gierige, selbstgefällige Menschen, die es toll fanden, eine Raubkatze im Haus zu halten, haben sie auf dem Schwarzmarkt für viel Geld gekauft. Aber eine Raubkatze bleibt eine Raubkatze! Kaum werden die Tiere groß, sind sie nicht mehr familienverträglich und taugen nicht mehr als Haustier. Also werden sie abgegeben. Meistens unter dem Vorwand „haben wir gefunden…“ Oder sie werden gleich ausgesetzt. Machen werden sogar die Beine gebrochen, damit sie niemanden mehr anspringen können. Jetzt müssen sich über Jahre hinweg andere tagtäglich kümmern, um die Tiere halbwegs glücklich zu machen, Geld sammeln, um die Unkosten zu decken, während die ehemaligen Besitzer sich wahrscheinlich schon die nächste kleine Raubkatze, den nächsten Affen oder Nasenbären kaufen. Traurig! Um so mehr ziehe ich meinen Hut vor all den Volontären und Angestellten des Parks!

 

Als die Abfahrt naht, stehen einige der liebgewordenen Camp-Leute am Bus und winken mir zum Abschied. Es war wirklich eine unglaubliche Zeit!

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